Skip to main content
Schweizer Familie

«Ausblenden dient auch als Schutzmechanismus»

«Ausblenden dient auch als Schutzmechanismus»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 22. Mai 2025

(Symbolbild: iStock)

Dissoziation hilft, traumatische Situationen zu überstehen. Das kann später jedoch zur Belastung werden, sagt die Psychotherapeutin und Allgemeinmedizinerin Daniela Wetzel-Richter.


Daniela Wetzel-Richter, wie zeigt sich eine dissoziative Störung?

Mit ganz unterschiedlichen Symptomen, wie etwa Erinnerungslücken, Lähmungen oder Gefühllosigkeit. Einige leiden unter Flashbacks – traumatische Erinnerungen kommen plötzlich wieder hoch – oder unter körperlichen Schmerzen ohne erkennbare Ursache. Eine schwere dissoziative Störung kann ausserdem zu einer Aufteilung in verschiedene Persönlichkeitsanteile führen.

Was verursacht eine dissoziative Störung?
Meist wurden die Betroffenen in der Kindheit vernachlässigt, waren oft auch Opfer von Gewalt in der Familie oder sexuellem Missbrauch. Das Dissoziieren dient in solch traumatischen Situationen als Schutzmechanismus, um Belastendes auszuhalten oder auszublenden. Das Kind trennt unbewusst das Erleben von Traumatischem ab, um in der Beziehung zum familiären Umfeld zu überleben.

Daniela Wetzel-Richter, Ärztin für individuelle Psychotherapie, Klinik Schützen Rheinfelden.

Das heisst, dass dissoziieren auch helfen kann?
Genau. Manche Notärztinnen und Notärzte dissoziieren bis zu einem gewissen Grad – sie blenden Gefühle wie Angst oder Betroffenheit aus und bleiben dadurch handlungsfähig. Menschen mit dissoziativen Störungen haben hingegen oft Konzentrationsprobleme und Körpersymptome, was ihre Leistungsfähigkeit einschränkt.

Wie gelingt es, das Dissoziieren zu kontrollieren?
Indem Patientinnen und Patienten lernen, mit Stress umzugehen und besser für sich zu sorgen. Sie lernen, Grenzen zu setzen und Situationen zu erkennen, die sie überfordern oder Dissoziationen auslösen, und sie zu meiden. Als Kind konnten sie der traumatisierenden Situation nicht entkommen – als Erwachsene schon.

Gehört auch die Traumabearbeitung zur Therapie?
Zuerst lernen Betroffene, mit Stress und starken Gefühlen umzugehen. Sind sie stabil und bereit, können sie sich in einem zweiten Schritt gemeinsam mit einer Psychotherapeutin gedanklich der traumatischen Situation stellen – im Rahmen einer konfrontierenden Traumatherapie.

Was ist das Ziel solcher Therapien?
Ziel bei Dissoziationen ist es, weniger zu dissoziieren, mehr am Alltag teilzunehmen und bei sich zu bleiben. In der Traumatherapie geht es darum, traumatische Erlebnisse in die Vergangenheit zu verbannen. Nach der Therapie können Betroffene akzeptieren, was passiert ist, und erkennen, dass es vorbei ist.

Empfehlen Sie diesen Beitrag weiter: