«Das eigene Immunsystem bekämpft den Krebs»
Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 2. April 2026
(Symbolbild: iStock)
Knochenmarkkrebs galt lange als kaum behandelbar. Eine neue Therapie verbessert die Prognose vieler Menschen mit Multiplem Myelom erheblich, sagt der Onkologe Jeroen Goede.

Jeroen Goede ist Chefarzt Medizinische Onkologie und Hämatologie am GZO Spital Wetzikon.
Jeroen Goede, wie entsteht Knochenmarkkrebs?
Im Knochenmark wird unser Blut produziert – und dabei können Fehler passieren. Diese führen dazu, dass sich krankhaft veränderte Blutzellen unkontrolliert vermehren und gesunde hemmen. Dann liegt eine Krebserkrankung vor. Eine häufige Form von Knochenmarkkrebs ist das Multiple Myelom. Es macht rund 10 Prozent aller Blutkrebserkrankungen aus. Bei dieser Form kommt es typischerweise zu einem Mangel an roten Blutkörperchen.
Wie macht sich das Multiple Myelom bemerkbar?
Bei rund der Hälfte der Betroffenen ist das erste Symptom Blutarmut. Sie zeigt sich zum Beispiel mit Müdigkeit oder damit, dass die Erkrankten rasch ausser Atem geraten. Bei einigen Menschen greift das Multiple Myelom den Knochen an, was zu Brüchen führen kann. Zudem produziert es ein Eiweiss, das die Nierenfunktion stört. Bei circa 10 Prozent der Betroffenen wird der Krebs darum aufgrund eines Nierenversagens festgestellt.
Wie wird das Multiple Myelom behandelt?
Das Ziel ist, die kranken Zellen zu zerstören und die gesunden Zellen zu schonen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine relativ neue und hochwirksame Therapie ist die bispezifische Antikörpertherapie.
Wie funktioniert sie?
Es handelt sich um eine Immuntherapie, bei der den Betroffenen ein Antikörper verabreicht wird. Dieser erkennt einerseits die kranken Tumorzellen und dockt dort an. Gleichzeitig führt er die gesunden Immunzellen zu den kranken Zellen, damit sie diese gezielt zerstören können. Im Grunde greift also das eigene Immunsystem die Krebserkrankung an.
Für wen ist diese Therapie geeignet?
Aktuell ist sie erst für Menschen zugelassen, die schon mindestens drei vorherige Therapien mit anderen Medikamenten hatten und nicht mehr auf diese ansprechen. Weil die bispezifische Antikörpertherapie so erfolgreich ist, darf aber erwartet werden, dass sie künftig auch in früheren Therapielinien zugelassen wird.
Wie sehr erhöht die neue Therapie die Überlebensrate?
Früher sind Menschen, die bereits drei Therapien hinter sich hatten, oft innerhalb von sechs bis zwölf Monaten an der Krankheit gestorben. Mit der neuen Behandlung sprechen zwei Drittel dieser Patienten so gut auf die Medikamente an, dass die Krebserkrankung kaum mehr nachweisbar ist.



