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Schweizer Familie

«Ziel ist, die Angst zu kontrollieren»

«Ziel ist, die Angst zu kontrollieren»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 3. Juli 2025

(Symbolbild: iStock)

Höhenangst ist weitverbreitet, doch eine Therapie kann helfen. Dabei geht es darum, das bange Gefühl auszuhalten, sagt Psychiater Michael Rufer.


Michael Rufer, weshalb leiden Menschen an Höhenangst?

Eine gewisse Höhenangst ist angeboren und dient als Schutzmechanismus. Eine starke Höhenangst oder eine Phobie, die zu Einschränkungen im Alltag führt, entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Beispielsweise können die Erziehung und beängstigende Erlebnisse eine starke Höhenangst begünstigen.

Wie viele Menschen sind davon betroffen?
Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leiden unter deutlicher Höhenangst, lassen sich davon aber nicht stark einschränken. Etwa 3 bis 5 Prozent haben eine Höhenphobie, die ihre Lebensqualität beeinträchtigt.

Michael Rufer ist Chefarzt der Triaplus-Klinik Zugersee.

Mit welchen Symptomen zeigt sich Höhenangst?
Mit klassischen Angstsymptomen wie Schwitzen, Zittern, Herzklopfen und Schwindel. Hinzu kommen katastrophisierende Gedanken wie: «Ich könnte sterben.» Zudem kann Höhenschwindel eine spezielle Rolle spielen.

Inwiefern?
Im Gegensatz zum Schwindel als Angstsymptom ist der Höhenschwindel physiologisch bedingt. Einigen Menschen wird schwindlig, wenn sie mit den Augen keine Orientierungspunkte fixieren können – was in der Höhe durch die Entfernung zum Boden rasch passiert. Macht das den Betroffenen Angst, verstärkt sich der Schwindel, weil er nun nicht nur als physiologisches, sondern zusätzlich als Angstsymptom auftritt.

Wie kann Höhenangst behandelt werden?
Zuerst erfolgt eine Bestandsaufnahme: Wie sieht die Lebenssituation aus, wie ist die Angst entstanden, gibt es psychische Erkrankungen wie Depressionen? Auf dieser Basis wird die Therapie geplant. Spricht nichts dagegen, folgt die Expositionstherapie.

Was beinhaltet sie?
Betroffene begeben sich gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten schrittweise in die angstauslösende Situation – etwa auf einen Turm oder in einen Seilpark. Sie lernen, mit der Angst umzugehen. Ziel ist nicht, angstfrei zu werden, sondern die Angst zu kontrollieren, statt von ihr kontrolliert zu werden. Durch Wiederholungen verliert sie mit der Zeit an Intensität.

Wie effektiv ist die Expositionstherapie?
Die Erfolgsquote liegt bei 80 bis 90 Prozent. Allerdings gelingt es nicht allen, sich auf die Therapie einzulassen. Für sie suchen wir alternative Wege, um den Leidensdruck zu mindern.

 

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