«Zuhören ist besser als Ratschläge erteilen»
Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 12. März 2026
(Symbolbild: iStock)
Einsamkeit zieht sich durch alle Altersgruppen und beeinträchtigt die Gesundheit. Der Sozialpädagoge Steve Stiehler erklärt, wie sie entsteht und was dagegen hilft.

Steve Stiehler ist Dozent für Soziale Arbeit an der Ostschweizer Fachhochschule OST.
Steve Stiehler, ist Einsamkeit ein Problem von älteren Menschen?
Nein, Einsamkeit hat kein Gesicht. Sie betrifft alte wie junge Menschen, und in der Regel sieht man sie ihnen nicht an.
Gibt es Risikofaktoren, die Einsamkeit begünstigen?
Bekannt ist, dass Armut, ein niedriger Bildungsstand und bestehende Erkrankungen das Risiko deutlich erhöhen. Die Gefahr von Einsamkeit nimmt auch mit dem Alter zu, weil nahestehende Menschen sterben.
Fühlen sich immer mehr Menschen einsam?
Das ist schwer nachzuweisen. In Umfragen geben zwar immer mehr Menschen an, dass sie einsam sind. Das könnte aber auch daran liegen, dass häufiger über Einsamkeit gesprochen wird und sie zunehmend enttabuisiert wird. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass unser moderner Lebensstil die Beziehungspflege nicht fördert – unter anderem, weil wir uns sehr stark um uns selbst und unsere Karrieren kümmern. Bekommen wir einen Job in einer fernen Stadt angeboten, nehmen wir ihn meist an und verlassen unser Umfeld. Zwar sind wir durch Social Media vernetzter, das ersetzt aber nicht den direkten Kontakt.
Welche Auswirkungen hat Einsamkeit auf den Körper und die Psyche?
Es ist erwiesen, dass Einsamkeit die Lebenserwartung reduziert. Sie bedeutet chronischen Stress, der das Immun- und das Herz- Kreislauf-System schädigt. Zudem besteht eine starke Wechselwirkung mit psychischen Erkrankungen: Einsamkeit fördert Depressionen, und Depressionen fördern Einsamkeit.
Was hilft gegen Einsamkeit?
Das Einfachste und zugleich Schwierigste ist, darüber zu reden. Wichtig ist, keine Ratschläge zu erteilen. Das kann übergriffig wirken. Besser ist es, zuzuhören und die betroffene Person ernst zu nehmen. Viele einsame Menschen versuchen, etwas dagegen zu tun. Wer lange einsam ist, kann aber die Kompetenz verlieren, einen Small Talk zu führen. Es wäre daher schön, wenn wir Mitmenschen Betroffenen helfen und aktiv auf sie zugehen. Zudem gibt es Hilfsangebote wie malreden.ch oder «Connect!».
Kann man Einsamkeit vorbeugen?
Wichtig ist, sich ein möglichst heterogenes soziales Netzwerk aufzubauen. Viele Menschen vernachlässigen dies zugunsten ihrer Familie und der Karriere. Kommt es dann zur Scheidung oder zur Pensionierung, entsteht plötzlich ein riesiges Loch. Man sollte sich daher Zeit nehmen für vielfältige Kontakte.



