«50 Prozent brauchen keine Behandlung»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 25. April 2024

Die Diagnose CLL, Altersleukämie, ist für Betroffene ein Schock. Die Krankheit lässt sich aber gut behandeln. Oft ist dies jedoch gar nicht nötig, sagt der Hämatologe Mathias Schmid.

Mathias Schmid, was versteht man unter CLL?
CLL steht für chronische lymphatische Leukämie, die umgangssprachlich Altersleukämie genannt wird. Bei Menschen, die daran leiden, entarten die weissen Blutzellen, die für die Abwehr von Viren verantwortlich sind. Sie vermehren sich und verdrängen die gesunden Blutkörperchen und Blutplättchen. Dadurch kann das Blut irgendwann seine Funktionen nicht mehr erfüllen.

Wie rasch geschieht das?
Bei der CLL handelt es sich um eine chronische Leukämie. Da die Blutzellen in einem späten Reifestadium entarten, ist die Krankheit weniger aggressiv als akute Leukämieformen und damit meist weniger lebensbedrohlich.

Mathias Schmid ist Chefarzt Onkologie und Hämatologie am Zürcher Stadtspital Triemli.

Mit welchen Symptomen zeigt sich die CLL?
Oft haben die Patientinnen und Patienten jahrelang keine Symptome. In 80 bis 85 Prozent der Fälle erkennt man die Krankheit durch eine Zufallsdiagnose. Leichte Symptome sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Gewichtsverlust. In einigen Fällen können Fieber über 38 Grad, ein Gewichtsverlust von mehr als 10 Prozent des Körpergewichts innert sechs Monaten und Nachtschweiss, der einen Wäschewechsel pro Nacht erfordert, auftreten. Seltenere Symptome zu Beginn sind Infekte, Blutungen sowie vergrösserte Lymphknoten.

Wer ist typischerweise von CLL betroffen?
Männer erkranken fast doppelt so oft an CLL, und meistens bricht die Krankheit im Alter von 70 bis 72 Jahren aus. Ist ein Elternteil betroffen, steigt das Risiko für das Kind um das Achtfache. In der Schweiz erhalten pro Jahr rund 4500 Menschen die Diagnose.

Wie wird die Krankheit behandelt?
50 Prozent der Betroffenen benötigen keine Therapie, weil sie symptomfrei bleiben oder die Krankheit ruhig verläuft. Treten behandlungsbedürftige Symptome auf, kommen Tabletten zum Einsatz und in der Regel keine klassische Chemotherapie. Die bösartigen Blutzellen werden gezielt angegriffen, darum leiden die Betroffenen weniger unter Nebenwirkungen als bei früheren Behandlungen.

Was ist das Ziel?
Die Lebensqualität wiederherzustellen und zu verbessern und Komplikationen wie Infekte zu verhindern. Was hilft Betroffenen, mit der Krankheit umzugehen? Ein gutes soziales Umfeld ist sehr wichtig. Weiter sollten die Therapeutinnen und Therapeuten ehrlich mit den Patientinnen und Patienten umgehen und ihnen Hoffnung machen. Manchen hilft auch der Austausch mit anderen Betroffenen.

 

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