«Botox kann die Schmerzen erheblich reduzieren»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 23. November 2023

(Symbolbild: iStock)

1,5 Millionen Menschen in der Schweiz leiden unter chronischen Schmerzen. Neu darf man Migräne mit Botox behandeln, sagt Neurologe und Psychiater Markus Mühlhauser.

Markus Mühlhauser, welche chronischen Schmerzen sind besonders häufig?
Rücken-, Gelenk- und Nervenschmerzen, aber auch Kopfschmerzen. Circa 85 000 bis 170 000 Menschen in der Schweiz sind von chronischer Migräne betroffen, bei der sie über eine Dauer von drei Monaten an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leiden.

Wie kann man die Symptome lindern?
Die Behandlungsoptionen reichen von gängigen Schmerzmitteln wie Paracetamol über Triptane, die auch Begleitsymptome wie Übelkeit und Lichtempfindlichkeit bekämpfen, oder Antiepileptika bis hin zu neueren Antikörpertherapien. Seit Mai 2023 ist in der Schweiz zudem Botulinumtoxin A – auch bekannt als Botox – zugelassen.

Markus Mühlhauser ist Oberarzt an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Wie wirkt Botox bei chronischer Migräne?
Botulinumtoxin A schwächt die Wirkung von Schmerzbotenstoffen im Gehirn ab. Daneben lähmt es die Muskulatur, was Spannungskopfschmerzen, die häufig ein Trigger für Migräneanfälle sind, reduzieren kann. In vielen EU-Ländern ist es bereits seit 2012 zur Behandlung zugelassen.

Viele der Schmerzpatientinnen und -patienten leiden auch an Depressionen. Was sind die Gründe?
Es können sowohl die chronischen Schmerzen zu einer Depression führen als auch eine Depression zur Verstärkung der chronischen Schmerzen beitragen. Im ersten Fall schränken die Schmerzen die Betroffenen dermassen ein, dass sie kaum mehr am sozialen Leben teilnehmen können und unter anderem darum eine Depression entwickeln. Ausserdem läuft das Stresssystem durch die Schmerzen auf Hochtouren. Es wird verstärkt Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, was eine Depression begünstigt.

Und inwiefern beeinflusst eine Depression die chronischen Schmerzen?
Die psychische Verfassung hat einen grossen Einfluss auf die Verarbeitung und die Wahrnehmung von Schmerz. Depressive Stimmung, Angst und katastrophisierendes Denken nähren ihn.

Wie kann die Lebensqualität trotz Schmerzen gesteigert werden?
Besonders wichtig ist ein interdisziplinäres Herangehen. Abgesehen von Medikamenten hilft eine psychotherapeutische Behandlung. Bei der Akzeptanzund Commitment-Therapie geht es darum, den Schmerz anzunehmen und den Fokus wieder auf persönliche Ziele und Werte zu lenken. So ist es möglich, Schritt für Schritt zu einer annehmbaren Schmerzintensität und mehr Lebensqualität zu gelangen.

 

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