«Die Muskulatur lässt sich mit einfachen Mitteln trainieren»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 16. November 2023

(Symbolbild: iStock)

Im Alter leiden viele Menschen an übermässigem Muskelschwund. Dagegen helfen gezieltes Krafttraining und eine eiweissreiche Ernährung, sagt der Pneumologe Marc Spielmanns.

Marc Spielmanns, mit zunehmendem Alter bauen wir Menschen Muskeln ab. Wann wird das zum Problem?
Ab 60 verlieren wir pro Jahr durchschnittlich ein Prozent unserer Muskelmasse. Problematisch wird es, wenn dieser Wert überstiegen wird. Kommt dann eine Krankheit hinzu, die uns längere Zeit ins Bett zwingt, schreitet der Abbau rapide voran, und Betroffene geraten rasch in eine Abwärtsspirale.

Inwiefern?
Viele vermeiden, was ihnen schwerfällt: Sie steigen beispielsweise keine Treppen hoch oder gehen nicht mehr einkaufen, weil sie die Taschen kaum tragen können. Deshalb ernähren sie sich auch schlechter. Durch die Mangelernährung und das fehlende Training bauen sie weiter Muskulatur ab.

Marc Spielmanns ist Chefarzt und ärztlicher Leiter der Klinik Wald ZH.

Wie viele Menschen sind von einem krankhaften Muskelschwund, der sogenannten Sarkopenie, betroffen?
Experten gehen davon aus, dass 5 bis 13 Prozent der zwischen 60- und 70-Jährigen an Sarkopenie leiden. Eine neue Studie zeigt zudem, dass 50 Prozent der Patientinnen und Patienten in Schweizer Reha-Kliniken betroffen sind.

Wie lässt sich Sarkopenie von normalem Muskelschwund abgrenzen?
Sarkopenie ist die krankhafte Steigerung des normalen Muskelschwundes. Sie führt nicht nur dazu, dass weniger Muskulatur vorhanden ist, sondern auch dazu, dass diese schlechter funktioniert. Um die Krankheit zu diagnostizieren, werden daher neben der Muskelmasse auch die Kraft und die Leistungsfähigkeit gemessen.

Womit kann man Sarkopenie vorbeugen?
Mit einem gesunden Lebensstil. Dazu zählt nicht nur ausreichend Bewegung, sondern auch gezieltes Krafttraining. Vor allem die Bein- und Rumpfmuskulatur sollte gestärkt werden. Bei der Ernährung ist es wichtig, auf die Eiweisszufuhr zu achten. Normalerweise sollte man pro Tag 0,8 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen. Ab 60 Jahren erhöht sich dieser Richtwert auf 1 Gramm. Auch die Zahngesundheit ist ein relevanter Faktor: Werden die Zähne im Alter marode, erschwert das eine ausgewogene Ernährung.

Was hilft, wenn die Sarkopenie fortgeschritten ist?
Dann kann ein Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik sinnvoll sein, in der die Muskulatur gezielt aufgebaut wird. Danach muss man ständig am Ball bleiben. Dabei ist es nicht zwingend, ein Fitnesscenter zu besuchen, sondern man kann mit einfachen Mitteln wie Wasserflaschen und Thera-Bändern zu Hause trainieren.

 

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