«Nach vier Monaten funktionierte die Schulter wieder»

Interview Jeanne Fürst und Fabienne Eichelberger, 8. Juni 2023

(Symbolbild: iStock)

Schulterprobleme häufen sich im mittleren Alter. In besonders gravierenden Fällen muss eine Prothese eingesetzt werden, sagt der Chirurg Karl Wieser.

Karl Wieser, mehr als die Hälfte der über 50-Jährigen leiden an Schulterproblemen. An welchen?
Es gibt eine breite Palette von Schmerzursachen. Sie reicht von Entzündungen des Schleimbeutels bis zu gravierenden strukturellen Schädigungen wie Sehnenrissen oder Gelenkarthrosen. Die Schulterprobleme häufen sich im mittleren Alter, weil die Qualität und Elastizität des Sehnen- und Knorpelgewebes abnehmen.

Wer benötigt eine Schulterprothese?
Das kann bei Menschen, die an fortgeschrittener Arthrose leiden und bei denen Medikamente und Physiotherapie zu wenig Erfolg gezeigt haben, der Fall sein.

Karl Wieser ist Leiter der Schulter- und Ellbogenchirurgie an der Universitätsklinik Balgrist.

Es gibt anatomische und inverse Prothesen. Worin unterscheiden sie sich?
Die anatomische Variante rekonstruiert die Anatomie des Patienten oder der Patientin. Dort, wo sich der kugelförmige Oberarmkopf befindet, wird eine Metallkugel eingesetzt. Die Gelenkpfanne wird aus Hartplastik nachgebildet. Bei der inversen Prothese dagegen wird das Ganze umgekehrt: Die Kugel kommt an die Innenseite, wo sich die Gelenkpfanne befand, die Pfanne dorthin, wo der Oberarmkopf war.

Wann wird welche Prothese gewählt?
Die inverse Prothese wird angewendet, wenn gravierende Verletzungen der Sehnen vorliegen. Indem das Drehzentrum der Schulter nach innen verlagert wird, kann der Schultermuskel die Funktion der verletzten Sehnen übernehmen.

Worauf müssen Patienten nach einer Operation achten?
Der Arm sollte zwei bis sechs Wochen in einer Schlinge ruhig gestellt werden. Anschliessend kann er normal bewegt, darf jedoch nicht zu stark belastet werden. Drei bis vier Monate nach der Operation sollten Arm und Schulter wieder weitestgehend funktionsfähig sein und die Patientin oder der Patient kaum einen Unterschied zu einem natürlichen Schultergelenk spüren.

Welche Gefahren bestehen beim Einsetzen einer Schulterprothese?
Die Risiken sind gering, und die Operation zählt zu den drei häufigsten, die ein Schulterspezialist vornimmt. Selbst die allgemeinen Operationsrisiken wie Nachblutungen und Infektionen liegen unter einem Prozent. Wie alle Prothesen können jedoch auch Schulterprothesen langfristig auslockern.

Was meinen Sie mit langfristig?
85 Prozent der Patienten haben 15 Jahre nach der Operation keine Komplikationen. Wir sehen das auch bei vielen, die ihre Prothese bereits seit über 25 Jahren haben.

 

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