Die richtige Balance bei Höhenangst

Von Danica Gröhlich, 14. Juli 2021

Höhenangst: Wenn sich der Herzschlag erhöht, die Atmung flacher wird und die Beine zittern. (iStock)

Aussichtstürme, Glasböden oder Gitterbrücken: Viele Menschen meiden solche Orte. Wie Höhenphobiker trotzdem wieder auf den Gipfel kommen.

«Ich stand da und hatte plötzlich Herzklopfen. Ich konnte kaum noch atmen, meine Knie zitterten und ich bekam ein flaues Gefühl im Magen.» So beschreibt Barbara Hunziker den Moment, als die Höhenangst sie zum ersten Mal überkam. Ich habe mich gefragt: Was passiert da genau und, was kann ich dagegen machen? Die Körpertherapeutin bietet nun seit einigen Jahren Wanderkurse gegen Höhenangst an – und wird von Interessierten regelrecht überrannt.

Frau Hunziker, mit Ihrer Höhenangst sind Sie offensichtlich nicht alleine.
Tatsächlich scheint es so, dass viel mehr Menschen betroffen sind als man glaubt. 20 Prozent haben eine latente Höhenangst. Eine ausgesprochene Akrophobie, wie die Höhenangst in der Fachsprache heisst, haben laut Schätzungen etwa 3 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte aber höher sein. Denn sicher spielt auch Scham mit. Etwa die Angst vor den Reaktionen des Umfeldes. Ich nenne das die Angst vor der Angst. Meist ist man ja in einer Gruppe unterwegs und will dann niemanden behindern. Oft ist es dann so, dass Betroffene beginnen, solche Situationen zu meiden. Sie sagen eine Wanderung ab, die über eine Hängebrücke führt, mit einer exponierten Passage oder auch nur über einen kleinen Steg. In der Folge kommt es zu Einschränkungen im sozialen Leben.

Dann ist Vermeiden auf die Dauer keine gute Strategie?
Nein, im Gegenteil: Bei allen Arten von Ängsten führt ein Vermeiden sogar noch zur Verstärkung. Denn das Alarmsystem im Gehirn beurteilt eine Situation als lebensgefährlich und erhöht durch das Vermeiden stets die Bestätigung dafür. In der Folge wird so der Radius immer kleiner, in dem sich jemand frei bewegen kann.

Löst ein bestimmtes Erlebnis die Höhenangst aus?
Es gibt Betroffene, die ein konkretes Erlebnis mit einem Sturz beschreiben können. Der Grossteil weiss aber nicht, was genau die Ursache ist. Auch eine angelernte Angst ist als Ursache m glich: Wenn Eltern sehr vorsichtig sind und ihrem Kind ständig sagen: «Pass auf! Das ist gefährlich!». Nur wenige haben Höhenangst bereits von Kindesbeinen an. Bei vielen wird eine Höhenangst mit dem Älterwerden schlimmer. Eine Erklärung ist, dass die körperliche Leistungsfähigkeit wie etwa das Gleichgewicht im Alter abnimmt. Eine Angst vor Stürzen vermischt sich dann mit der Angst vor Höhe. Meiner Erfahrung nach, sind die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, eigentlich keine ängstlichen Personen. Diese reagieren also nur auf bestimmte Situationen und kommen sonst im Leben wunderbar zurecht. Und genau das verunsichert eben sehr.

Barbara Hunziker, selbständige Körpertherapeutin und Coach, Luzern (zVg.)

Wer meldet sich für Ihre Wanderkurse gegen Höhenangst an?
Derzeit melden sich etwa 60 Prozent Frauen an, doch die Männer holen auf. Vielleicht reden sie inzwischen auch mehr darüber. Von der Altersgruppe her machen über 50-Jährige den Grossteil aus. Der älteste Teilnehmer war 80 Jahre alt. Immer mehr Menschen sind bereit, etwas gegen ihre Höhenangst zu unternehmen und wollen ihr nicht einfach ausgeliefert sein. Sie wollen keine schlaflosen Nächte mehr vor einer Wanderung, weil es eine für sie heikle Stelle geben könnte. Ich weiss aber, dass es auf der Karte meist schlimmer aussieht als es vor Ort dann tatsächlich ist.

Respekt vor der Tiefe ist ja eigentlich angebracht.
Ja, Angst ist als Warnsystem durchaus nötig, normal und hilfreich, beim Wandern in den Bergen sowieso. Die Grenzen sind also fliessend. Bei einer Phobie kann die Gefahr nicht mehr angemessen beurteilt werden und führt zu einer übertriebenen Reaktion. So kommt bei einem doppelten Glasboden, der eigentlich nicht durchbrechen kann, eine rationale Beurteilung der Situation nicht mehr im Gehirn an. Das Nervensystem schaltet quasi auf Autopilot. Deshalb sollten für solche Fälle auch die Begleitpersonen instruiert sein, weil sie oft ratlos sind. Akut hilft dann, in Kontakt zu sein, die Hand zu halten, mit der Person bewusst zu atmen oder sie in ein Gespräch zu einem ganz anderen Thema zu verwickeln, bis die Angst abflaut.

Was können Betroffene selbst in so einer Situation machen?
Ganz akut kommt es in einer Angstsituation zu einer Blockierung: Man kann weder vor noch zurück. Dieser sogenannte Totstellreflex ist sehr archaisch. Denken Sie etwa an die Begegnung mit einem Tiger. Ursprünglich handelt es sich also in einer Gefahrensituation um einen Instinkt, auf den man keinen Einfluss mehr hat. Deshalb muss man die Angst aushalten und wir sollten lernen, dass die Angst in Wellen kommt: Sie steigt plötzlich auf, klingt aber genauso rasch auch wieder ab. Befällt sie einem, muss ich mir Sicherheit geben und abwarten. Atmen, die Füsse spüren, beispielsweise den Fels anfassen, um zu merken, ich habe festen Boden unter mir. Mir kann nichts passieren! Auch den Blick zu steuern ist wichtig. Nicht in den Abgrund zu schauen, sondern einen feststehenden Gegenstand zu fixieren. Solche Techniken oder auch Affirmationen wie «Ich kann das!» sind natürlich sehr individuell. Doch mit Übung lassen sich diese auch hier gezielt einsetzen. Bei allen Phobien gilt, die Angstwellen auszuhalten, damit das Nervensystem die Situation laufend neu beurteilen kann: Ich bin bereits seit drei Minuten hier, es ist immer noch nichts passiert. Ich kann nun einen Schritt vorwärts gehen, ich lebe immer noch.

Lässt sich die Höhenphobie besiegen?
Eine Angst kann man nicht bekämpfen oder gar besiegen. Sie gehört zu uns wie Essen oder Schlafen. Wir können nur lernen, mit der Angst umzugehen. In einem gesunden Bereich fokussiert uns die Angst. Sie macht wach und aufmerksam. Wir sollten die Angst ernst nehmen, nicht dagegen ankämpfen, sondern sie in eine neue Balance bringen. Man kann sie aber überwinden, damit man ihr nicht hilflos ausgeliefert ist. Angst gilt in unserer Gesellschaft leider immer noch als Schwäche. Umso wichtiger ist es, den Umgang mit der Angst zu erlernen.

Haben Sie als Körpertherapeutin noch einen weiteren Rat im Umgang mit der Höhenangst?
Essenziell bei der Höhenangst ist eine gute Trittsicherheit. Wichtig ist, wieder auf automatische Reflexe zu vertrauen, die der Körper hat, um uns aufzufangen. Das Gleichgewicht lässt sich ganz einfach mit einem Ballkissen oder auf beweglichen Untergründen trainieren. Es hilft auch, barfuss über Flusssteine zu gehen oder beim Zähneputzen auf einem Bein stehen.


Unbeschwert Gipfel erklimmen

Seit 2015 führt Barbara Hunziker gemeinsam mit dem Wander­leiter Martin Heini mehrmals pro Jahr die Höhenangst­-Kurse durch. Denn der Umgang mit der Angst kann geübt werden. In der Gruppe erleben Betroffene, dass sie nicht alleine sind und können das Vertrauen in ihren Körper stärken.

Weitere Informationen:
www.barbarahunziker.ch und www.wanderlar.ch


Danica Gröhlich ist Redaktorin bei «GESUNDHEITHEUTE», der Gesundheitssendung am Samstagabend auf SRF 1.
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