«Die Forschung hilft, Leben zu retten»

Interview Jeanne Fürst und Danica Gröhlich, 25. März 2021

(Symbolbild: iStock)

Die Immuntherapie gibt Krebskranken neue Hoffnung. Doch auch diese Methode hat ihre Grenzen. Woran jetzt geforscht wird, sagt der Onkologe Roger von Moos.

Herr von Moos, wie funktioniert eine Immuntherapie?
Im Körper entstehen jeden Tag Kopierfehler, die unser Immunsystem eliminiert. Scheitert die Abwehr einer geschädigten Zelle, kann ein Tumor entstehen. Die Immuntherapie löst die Immunbremse, hinter der sich Krebszellen verstecken können. Diese werden wieder erkannt und abgetötet.

Bei welchen Krebsarten kommt eine Immuntherapie in Frage?
Die Immuntherapie hatte bei schwarzem Hautkrebs die ersten Erfolge. Auch bei einem Lungen- sowie Nierenzellkrebs oder im Magen-Darm-Trakt funktioniert diese Methode sehr gut. Ausgeschlossen ist eine Immuntherapie nach einer Transplantation, da sonst das Organ abgestossen wird. Bei einer zusätzlichen Autoimmunerkrankung wie zum Beispiel bei einer rheumatoiden Arthritis oder bei einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung müssen wir zwischen Nutzen und Risiko abwägen. Je höher die Mutation des Tumors, desto besser funktioniert die Therapie.

Roger von Moos arbeitet als Chefarzt für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital Graubünden.

Sind Kombinationen mit anderen Behandlungen möglich?
Ja, um die Wirkung zu vervielfachen, kombinieren wir die Immun- mit einer Chemotherapie oder einer Bestrahlung. So entstehen mehr Fragmente der zu erkennenden Tumorzellen.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Im Durchschnitt hat die Immuntherapie weniger Nebenwirkungen als eine Chemotherapie. Allerdings sind Entzündungen möglich, meist der Haut, im Darm mit Durchfall oder in der Leber. Auch die Schilddrüse kann betroffen sein, sodass ein Hormonersatz lebenslang nötig wird. Wichtig ist, dass sich Betroffene bei den ersten Anzeichen sofort melden. Mit Kortison versuchen wir dann, die Entzündung wegzubringen.

Gilt die Immuntherapie dennoch als Wundermittel?
Für etwa ein Drittel der Patientinnen und Patienten ist die Immuntherapie tatsächlich eine Wunderwaffe. Statt 6 bis 18 Monat  leben einige dieser Patienten über Jahre tumorfrei. Ich spreche heute bewusst noch nicht von Heilung. Aber es ist ein Erfolg, den wir vorher in der Onkologie noch nie gesehen haben. Allerdings können 70 Prozent noch nicht davon profitieren.

Wie sieht die Zukunft der Krebstherapie aus?
Wir haben ein breites Arsenal gegen Krebs. Sehr viele Studien laufen dazu in der Schweiz, allein 14 davon in Chur. Dabei kommen unter anderem Checkpoint- Inhibitoren zum Zuge, also Antikörper, welche die Immunbremse lösen. Aber auch Therapien mit aktivierten Immunzellen, die vom Patienten entnommen werden. Die Forschung hat uns weit gebracht und hilft, Leben zu retten.

 

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