«Wir können für so vieles dankbar sein»

Von Danica Gröhlich 13. Januar 2021

Glück festhalten: Ein Dankbarkeits-Tagebuch schärft den Blick für Positives. (iStock)

Wie starten wir mit mehr Zuversicht ins Jahr? Die deutsche Psychologin Muriel Böttger weiss Rat. Sie ist Expertin für Positive Psychologie – die Wissenschaft des guten Lebens.

Ein glückliches neues Jahr, Frau Böttger! Was bedeutet für Sie persönlich Glück?
Herzlichen Dank und gleichfalls! Für mich bedeutet Glück, in Balance zu sein, in meiner inneren Mitte. Diese Ruhe, das ist für mich Glück. Hier spüre ich Zufriedenheit.

Hand aufs Herz: Wie schwer fällt das selbst Ihnen als Profi?
Natürlich gelingt mir das auch nicht immer. Dann versuche ich mir bewusst zu machen, dass das Leben naturgemäss wellenförmig verläuft. Dass nach einem Tief also meist wieder ein Hoch kommt. Gerade in solchen Phasen, in denen es einem schwerfällt, optimistisch zu sein, kann diese Überlegung zeigen, dass man zwar gerade in einer Down-Phase ist, es aber danach weitergeht. Denn Glück heisst auch, immer wieder aktiv an und mit sich selbst zu arbeiten.

«Es macht Freude, anderen Menschen zu helfen.»

Was stimmt uns Menschen denn positiv und wie wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus?
Zufriedenheit, Liebe, Dankbarkeit oder auch Stolz sind nur einige der positiven Emotionen, die wir empfinden können. Sicher ein guter Regenschirm voll, unter den wir uns stellen, und wo für jeden etwas Passendes dabei ist. Ausgelöst etwa durch vertraute Beziehungen zu anderen Menschen oder, dass wir unserem Leben einen Sinn und Erfüllung geben, vielleicht durch unsere Arbeit. Eine positive Einstellung wirkt direkt auf die mentale Gesundheit. Positive Menschen sind belastungsfähiger und gehen entspannter durch Krisen. Positive Emotionen stärken zugleich auch das Immunsystem. Sie wirken also ebenfalls auf den Körper. Deshalb ist es so wichtig, unsere Batterien immer wieder mit schönen Gefühlen aufzuladen. Allerdings müssen sie passen. Bungee-Jumping zum Beispiel bereitet einem Menschen zwar Freude, dem nächsten aber Angst. Was jemandem eine innere Zufriedenheit schenkt, kann also nur individuell entschieden werden.

Muriel Böttger, 27, Psychologin, spezialisiert auf Positive Psychologie, Köln (zVg)

Geht es Pessimisten nicht besser? Schliesslich können nur Schwarzseher positiv überrascht werden…
Das ist doch sehr schwarz-weiss gemalt. Nur, weil wir optimistisch denken, können wir dennoch nicht alle Tiefen des Lebens umschiffen. Aber die Wissenschaft zeigt ganz klar, dass eine optimistische Einstellung förderlich ist. Das Schöne daran: Optimismus ist lernbar. Dies, indem wir bewusst reflektieren. Ein optimistischer Mensch verdrängt keinesfalls Negatives, sondern fragt sich stets, was er daraus lernen kann. Deshalb sollten wir nicht mit der rosaroten Brille durchs Leben rennen. Wie gesagt, erleben auch Optimisten unangenehme Empfindungen. Was aber sehr hilfreich ist, weil sie dadurch auch die positiven Emotionen wieder mehr wertschätzen können.

Dann hilft es also nicht, in Krisenzeiten unser Leben einfach schönzureden?
Genau, das bringt leider nichts. Das würde uns nur noch mehr in diese Leere hineinreissen. Besser wäre es zu schauen, wie wir mit Krisen umgehen können. Positives Denken heisst auch konstruktives Denken, damit es mich weiterbringt. Es hilft zu erkennen, welche Stellschrauben ich drehen sollte. Immer konstruktiv und möglichst realitätsnah zu sein, kann dazu dienen, neue Möglichkeiten zu entdecken. Wir sind dann viel eher in der Lage, neue Ideen und Lösungen zu finden, da wir uns mit einer Sache vertieft auseinandersetzen.

Dann dürfen in der Pandemie auch Angst, Trauer oder Wut Platz haben?
Definitiv! Auch solche Gefühle dürfen auf jeden Fall sein. Denn jede Emotion hat eine Funktion. Angst beispielsweise lässt uns achtsam sein. Trauer möchte einen Wert bewahren. Wut bringt uns dagegen in ein Umsetzen. Sie fördert dadurch das Verarbeiten und sorgt dafür, dass wir etwas nicht verdrängen. Diese Emotionen wollen uns etwas sagen. Wir sollten sie deshalb keinesfalls ignorieren, sondern einfach nutzen und uns nicht in eine Frustration hineinbegeben.

Schwierig bei allen negativen Schlagzeilen, die tagtäglich auf uns herunterprasseln…
Deshalb halte ich es für wichtig, sich gezielt zu informieren und sich nicht einfach den ganzen Tag über mit solchen News berieseln zu lassen. Stattdessen wäre es besser, sich abends bewusst die
«Tagesschau» anzusehen, damit die Nachrichten nicht meinen Alltag bestimmen.

Sollten wir auch bewusst den Fokus wieder mehr auf Positives richten?
Auf jeden Fall! Das gelingt, indem wir uns wieder mehr auf die kleinen Freuden konzentrieren. Etwa, dass Schnee gefallen ist oder, dass ich Zeit mit meinem Partner, meiner Partnerin verbringen kann. Natürlich können wir im Moment nicht alles wie gewohnt machen. Zudem ändert sich die aktuelle Lage ständig und wir leben in einer ungewissen Zeit. Vieles ist aber noch da: Das Essen auf dem Tisch, unsere Familien und Freunde sowie etliche Dinge mehr. Fragen wir uns also: Was ist gerade schön? Wofür kann ich dankbar sein? Dadurch merken wir, dass doch mehr möglich ist als wir soeben noch dachten.

«Lenken Sie den Fokus wieder mehr auf kleine Dinge.»

Welche Übung empfehlen Sie, um unsere mentale Gesundheit zu stärken und mehr Zuversicht in den Alltag zu bringen?
Was ich besonders schön finde, ist das Führen eines Dankbarkeits-Tagebuches. Notieren Sie sich abends jeweils drei Dinge, für die Sie dankbar sind. Wer das nur sieben Tage hintereinander macht, ist nachweislich noch bis zu sechs Monate später glücklicher als zuvor. Und Sie werden staunen, was alles zusammenkommt. Gleichzeitig können wir dabei bewusst nochmals den Fokus auf Kleines lenken. Darauf, was uns den Tag über erfreut hat. Vielleicht eine interessante Begegnung oder ein Anruf. Sie könnten sich beispielsweise auch notieren, dass Sie dankbar sind, ein Dach über dem Kopf zu haben. Oder vielleicht hatten Sie ein Erfolgserlebnis auf der Arbeit. Das kann von ganz klein bis ganz gross sein.

Was können wir sonst noch für unser Gemüt tun?
Aktiv anpacken! Es macht bekanntermassen Freude, anderen Menschen zu helfen. Eine solche Aufgabe gibt viel zurück. Fragen Sie sich beispielsweise, wie Sie in Ihrer Umgebung Unterstützung leisten könnten. Etwa für Personen einkaufen zu gehen, die gerade nicht aus dem Haus können. Auch viele wohltätige Organisationen suchen derzeit helfende Hände. Etwa beim Aussortieren von Kleidern können wir etwas Gutes tun. Die Dankbarkeit kommt zurück. Zudem lenkt ein solcher Einsatz vom grossen Weltgeschehen ab, in der Folge fokussieren wir wieder mehr und das macht eine zuversichtlichere Stimmung. So können wir – trotz schwieriger Umstände – wieder positiver ins Jahr starten.

Mehr zu Muriel Böttger und ihrer Arbeit über Positive Psychologie:
www.murielboettger.com

Danica Gröhlich ist Redaktorin bei «Gesundheitheute», der Gesundheitssendung am Samstagabend auf SRF1.
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