Schweizer Ärztin lässt Myome schrumpfen

Von Danica Gröhlich, 1. Juli 2019

Schnittfreie Methode: Dr. Ladina Christoffel, Chefärztin Gynäkologie am Spital Oberengadin, hilft Myom-geplagten Frauen. (Daniel Martinek)

Die meisten Frauen merken nicht, dass sie gutartige Tumore in der Gebärmutter haben. Andere leiden unter heftigen Schmerzen. Eine neue Methode hilft den Betroffenen.

Die Sonata-Sonde gibt Energie ab, um Gebärmutter-Myome zu schrumpfen. (Gynesonics)

«Für Frauen ist dieser Eingriff essenziell für die Zukunft», erklärt Dr. Ladina Christoffel. Die Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe am Spital Oberengadin hat im August 2017 als Erste in der Schweiz eine neue Therapie zur Myom-Behandlung durchgeführt. Seither hat sie 60 Patientinnen behandelt und etwa 80 Myome zum Schrumpfen gebracht. Doch was ist ein Myom, welche Frauen sind davon betroffen und wie zeigen sich mögliche Symptome?

Meist durch Zufall entdeckt

Die wenigsten spüren etwas, doch etwa 70 Prozent aller Frauen zwischen 40 und 50 Jahren haben Myome. Das sind gutartige Geschwülste, also Tumore, in der Gebärmutter. Deren Muskelzellen sind normalerweise dachziegelartig angeordnet und werden bei der Geburt für Wehen-Kontraktionen gebraucht. Ein Myom entsteht, wenn diese Zellen nicht mehr nebeneinander liegen, sondern anfangen, eine rundliche Wirbel-Struktur zu bilden.

Eine Geschwulst kann überall in der Gebärmutterwand entstehen. Befindet sich das Myom an der Vorderwand der etwa birnengrossen Gebärmutter, drückt es auf die Blase. Häufiges Wasserlösen, massive Blutungen oder Schmerzen sind mögliche Folgen. Entwickelt sich die Geschwulst weiter hinten, dann drückt sie auf den Darm. Frauen könnten unter Verstopfung leiden. Ebenso stören die Tumore etwa beim Liegen auf dem Bauch, beim Yoga oder beim Geschlechtsverkehr. «Das grösste Myom, das ich behandelt habe, hatte etwa das Ausmass einer Honigmelone und war im Durchmesser 13 Zentimeter», erinnert sich Ladina Christoffel.

Bezüglich des Leidensdrucks ihrer Patientinnen spiele die Myom-Grösse allerdings nur eine untergeordnete Rolle. «Ich hatte schon Fälle, bei denen ein fünf Zentimeter grosser Tumor keine Schmerzen verursacht hat, ein zwei Zentimeter kleiner Knoten dagegen schon.» Myome lösen dann so heftige Schmerzen und starke Menstruationsblutungen aus, dass Betroffene nicht mehr aus dem Haus können und arbeitsunfähig werden. Meistens machen Myome aber keine Probleme und werden nur als Zufallsbefund entdeckt. Könnte ein Knoten dann aber auch bösartig sein? «Natürlich haben wir das immer im Hinterkopf. Die Wahrscheinlichkeit für ein Sarkom beträgt jedoch nur 0,28 Prozent», relativiert die Medizinerin.

«Natürlich können wir damit nicht alle Therapien ersetzen, aber wir bieten eine gute Alternative.»

Ungleichgewicht der Hormone

Trotz intensiver Forschung kennen Experten den genauen Auslöser für ein Myom nicht. Die Ursache habe aber mit den weiblichen Geschlechtshormonen Östrogen und Gestagen zu tun. Ein Ungleichgewicht dieser Hormone verursacht die Beschwerden. Allerdings nur bis zur Abänderung. Dann «schlafen » die Myome oder schrumpfen von alleine, beschreibt Christoffel den Verlauf. Bei der Therapie setzen Ärzte deshalb Hormon-Spiralen oder -Tabletten ein, um eine starke Blutung zu mindern. Doch dieser Ansatz ist nicht für alle geeignet: Etwa, wenn eine 35-Jährige bereits unter einer Geschwulst leidet und noch Kinder will.

Schnell wieder auf die Beine

Geht es darum, eine geeignete Therapie zu finden, so betont die Expertin: «Myome sehen wir als gutartige Raumforderungen der Gebärmutter. Somit sollte eine Frau diese wirklich nur behandeln lassen, wenn sie Beschwerden machen.» Neben der Hormon-Gabe mussten die meisten früher unters Messer. Mit einem Bauch-Schnitt oder einer -Spiegelung wurde das Myom aus der Gebärmutterwand geschnitten. Es bleiben nicht nur unschöne Narben wie bei einem Kaiserschnitt zurück. Diese Operationen können je nach Lage und Grösse der Myome auch technisch schwierig sein und zu einem höheren Blutverlust führen als eine Entfernung der ganzen Gebärmutter. Deshalb ist Christoffel umso erfreuter, dass sie den Frauen in der Schweiz seit bald zwei Jahren zur Myom-Behandlung mit Sonata eine weitere Option anbieten kann, die aus den USA via England, den Niederlande und Deutschland nach Europa kam. Bei Sonata handelt es sich um einen sogenannt minimalinvasiven Eingriff. Das bedeutet, die entstehenden Wundflächen und die körperliche Belastung können so gering wie möglich gehalten werden.

Die Gynäkologin erklärt den Ablauf: «Ich arbeite mit einem Handstück mit einem ganz kleinen Ultraschall vorne dran, das ich durch die Scheide in die Gebärmutter einführe. So kann ich alles auf einem Live-Bildschirm sehen. Sobald ich das Myom gefunden habe, kann ich den Ultraschall abkippen, kleine Stiftchen ausfahren und diese direkt ins Zentrum des Myoms platzieren und dort gezielt Radiofrequenzenergie abgeben.» Die Behandlung unter Teil- oder Vollnarkose erfolgt in Rekordzeit: «Im Schnitt brauche ich für die Applikation nur sieben Minuten pro Myom.» Sie bringt Myome nicht ganz zum Verschwinden, aber im Verlauf der nächsten Monatsblutungen schrumpfen sie. Die «Volumenschrumpfungsrate» beträgt 65 Prozent innert drei Monaten. Danach sind neun von zehn Frauen bereits zufrieden mit dem Erfolg.

Der Vorteil dieser Methode: Nach der schnittfreien Behandlung sind die Frauen gleich wieder auf den Beinen, können schwere Dinge heben, Sport treiben und Geschlechtsverkehr haben. Eine Gebärmutterentfernung dauert dagegen mindestens 75 Minuten. Die Frau fällt bis zu sechs Wochen im Arbeitsalltag aus. Sonata spart somit auch Kosten. Deshalb übernehmen die Krankenkassen sie in der Regel. Eine neue Wunderwaffe also in der Myom-Behandlung? Mit einer Einschränkung, wie Christoffel eingestehen muss: «Sonata ist nicht für jedes Myom geeignet. Liegt es zu weit hinten, komme ich mit dem Instrument nicht heran.».

Von Kollegen belächelt

Bis heute war es ein langer Weg, alle Skeptiker von der Therapie zu überzeugen. «Ich musste der Fachwelt erst zeigen, wie sicher und effektiv diese Methode trotz ihrer Einfachheit ist. Am Anfang wurde ich sogar dafür belächelt», erinnert sich die junge Ärztin. Doch ihre Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Inzwischen bieten nach Samedan weitere Spitäler wie Bern, Baden und bald das Triemli in Zürich das Sonata-System an. «Natürlich können wir damit nicht alle Therapien ersetzen, aber wir haben eine gute Alternative für alle Myom-geplagten Frauen in der Schweiz», betont Ladina Christoffel nochmals. Zudem plane sie bereits die nächsten Spital-Einsätze als «Operations-Instruktorin», wie sie lachend und voller Tatendrang erzählt.

Akzent Minimal invasive «Myombehandlung»

 

Die Autorin dieses Artikels, Danica Gröhlich, ist Redaktorin bei «gesundheitheute», der Gesundheitssendung am Samstagabend auf SRF1.

 

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